Theaterprojekt

Die Krönung eines längeren Prozesses – Aufführung des Theaterprojektes geht unter die Haut


Unter der Regie und Leitung der Theaterpädagogin Mareike Schneider aus Heidelberg führten zehn Frauen aus Speyer – aus sechs verschiedenen Ländern – am 9. März 2019 in der Heiliggeistkirche in Speyer die von und mit ihnen gestaltete Szenencollage „Sehnsucht, wonach?“ als Ergebnis eines integrativen Theaterprojektes auf.

Das Vorhaben geht auf eine Initiative des Arbeitskreis Asyl Speyer e. V. zurück, wurde von Beginn an von der Stadt Speyer unterstützt und begleitet und finanziell durch das Land Rheinland-Pfalz gefördert.

Allein der Umstand, dass das Anfang 2018 gestartete Projekt ungeachtet der verschiedensten Schwierigkeiten und Herausforderungen in Form einer öffentlichen Darbietung mit einem „vorzeigbaren Ergebnis“ abgeschlossen werden konnte, ist bereits als großer Erfolg zu werten. Dass, was die Frauen im Alter von 23 bis 69 aus Afghanistan, Aserbaidschan, China, Deutschland, Eritrea und Syrien zum Ausdruck brachten, geht darüber jedoch weit hinaus: Es sprach direkt an, berührte und ging unter die Haut.

Angelehnt an die Biographien von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn („Sisi“), Mascha Kaléko (Lyrikerin), Anne Frank, Romy Schneider und Malala Yousafzai (pakistanische Friedensnobelpreisträgerin), entstand ein eindrucks- volles Mosaik, in welches auch Bilder der eigenen Geschichten und Schicksale der Teilnehmerinnen Eingang fanden. Texte, tänzerische und pantomimische Einlagen wurden gekonnt getragen und unterstrichen durch passende musikalische Interpretationen. So markierten insbesondere eingangs das Lied von Hildegard Knef „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ und das die Schlussszene aufgreifende Lied von Marlene Dietrich „Sag mir wo die Blumen sind“ die immerwährenden Themen der Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Freiheit und Frieden. „Sehnsucht, wonach?“ auch nach Heimat – was auch immer das für die Einzelne sein mag – , nach schönen Kleidern, Freundinnen, Reisen, Ausgehen, nach Bildung, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Mit den einfachsten Mitteln – ein blauer Vorhang als Hintergrund, in blau, weiß und schwarz gehaltene Kleidung, ein paar weiße Pappelemente, die wahlweise als Hocker, (Schul-)Bank, Filmleuchte und vor allem als die Verdinglichung der Wünsche, Sehnsüchte und Sorgen eingesetzt wurden, ein Laken als Tischtuch und rückseitig als Transparent („wann wird man je versteh’n? …) – erzeugten die Teilnehmerinnen 45 Minuten lang mit ihrer Präsenz eine unerwartete Dichte und Spannung. Dass dabei die ZuschauerInnen der hinteren Reihen in der bis auf den letzten Platz besetzten Spielstätte möglicherweise die zuweilen leise gesprochenen Passagen nicht alle vollständig hören konnten, ist angesichts der völligen Bühnenunerfahren-heit der Akteurinnen mehr als verständlich. Vielmehr fällt da der große Mut ins Gewicht, sich „auf Brettern“ einer Öffentlichkeit zu präsentieren, – vor allem für diejenigen der Frauen, die aus Kulturen kommen, in denen die(se) Hälfte der Bevölkerung bis heute öffentlich kaum in Erscheinung treten können.

Im Anschluss der Aufführung, die mit viel Applaus und Blumen bedacht wurde, trat eine der geflüchteten Frauen mit einer sehr persönlichen und ihrer – anwesenden – Mutter gewidmeten kurzen Ansprache ans Mikrofon. Spätestens hier wurde deutlich, dass es nicht nur um ein Spiel ging – die Erfahrung von Verlust und Vertreibung, von Stärke und Größe von Frauen ist bittere – aber auch ermutigende – Realität.

Im Anschluss stellten sich die zehn Frauen dem Publikum vor, – pro gemischten Zweierteam jeweils gegenseitig die deutsche ihre nichtdeutsche Partnerin und umgekehrt. Sodann standen alle elf Aktiven für Fragen zur Verfügung, die sich u. a. auf das Projekt und auf den Prozess bezogen. Ergänzend hatten die Zuschauer die Möglichkeit, sich auf ein paar Stellwänden zu den historischen „Vorbildern“ der Frauenschicksale zu informieren.

Mareike Schneider und ihrem Team ist nicht nur ein sehr bewegender Abend zu verdanken. Sie alle haben Integration gelebt und vorgelebt. Das Projekt wird für die Beteiligten und viele Besucher Kreise ziehen. Es bleibt zu wünschen, dass weitere solcher Vorhaben möglich werden.


       

Dr. Bärbel Altes, Arbeitskreis Asyl Speyer e. V.


Mit Blumen bedankte sich Frau Dr. Altes bei der Theatergruppe. Man sieht auf dem Bild die Blumenübergabe auf der Bühne.
Mit Blumen bedankte sich Frau Dr. Altes bei der Theatergruppe