Another Brick in the Wall

Als ich im Jahr 1990 das Licht der Welt erblickte befand sich Deutschland im Umbruch: die Mauer war gefallen, die Wiedervereinigung stand bevor und ein ganzes Volk sollte sich neu kennenlernen. Eine Vorstellung davon, wie bewegend, aber auch frustrierend das prägende Jahr 1990 war, habe ich lediglich aus Geschichtsbüchern und von Fernsehaufnahmen, in denen Menschen mit witzigen Frisuren in der BRD ankommen und vor Erleichterung in Tränen ausbrechen.

Die Berliner Mauer kenne ich so nur aus meinem Geschichtsbuch
Die Berliner Mauer kenne ich so nur aus meinem Geschichtsbuch

Auch mich berühren diese Bilder auf eine seltsame Art, obwohl mir das tatsächliche Bewusstsein über die gesellschaftliche Dimension dieses wichtigen Jahres fehlt. Auf der Klassenfahrt nach Berlin alberten wir am Checkpoint Charlie, machten Fotos und dachten in unserer jugendlichen Naivität alles verstanden zu haben: „Aha, so war das also.“ Mein Verständnis der DDR, von Mauern, Grenzübergängen und der damit verbundenen Gewalt, setzt sich aus Geschichtsbüchern, Filmen und ZDF-History zusammen.
Meine Generation wächst in Zeiten der Globalisierung auf, in denen Staatsgrenzen nur noch bedeutungslose, imaginäre Linien sind: nach dem Abitur als Au-Pair in die USA oder Work and Travel in Australien, in den Semesterferien mit dem Rucksack durch Südamerika oder mit der Machete durch die Dschungel Südostasiens und danach für das Auslandssemester nach Istanbul. Bei Arbeitgebern sind Auslandserfahrungen gefragt wie nie, und spätestens seit Bestsellererfolgen wie „Eat, Pray, Love“ gilt das Reisen als die ultimative Form der Selbstfindung.

Natürlich habe auch ich auf meinen Reisen Grenzen kennengelernt, an denen zumeist zwei gelangweilte Polizisten standen, die ohne Zögern den Schlagbaum öffneten, sobald ich dieses rote Dokument mit der Aufschrift „Bunderepublik Deutschland“ zückte. No problem. Wir bewegen uns frei in einer Welt, in der es für uns Europäer keine Mauern mehr zu geben scheint; wir sind die absoluten Gewinner der Globalisierung.
Doch das heißt nicht, dass diese nicht existieren: 41 Mauern ziehen sich durch unsere Welt, stehen zwischen den Völkern und schotten ganze Länder ab: Israel und das Westjordanland, Mexiko und die USA, Marokko und Spanien, nur um einige davon zu nennen. Mauern werden zu Leinwänden kritischer Künstler und zum Sinnbild politischer Konflikte. Eine Barriere sind sie nur für die Globalisierungsverlierer, vor denen man sich schützen zu müssen glaubt. Wir Globalisierungsgewinner dürfen die meisten Mauern passieren. No problem.

Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland wird zur Streetart
Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland wird zur Streetart

Was man bisher als Europäer und selbsternannter Weltbürger so gut wie gar nicht wahrgenommen hat, wird angesichts der aktuellen Flüchtlingslage immer sichtbarer. Die Mauern verlaufen nicht mehr irgendwo weit weg, sondern quer durch Europa. Die beiden müden Polizisten und der Schlagbaum verwandelten sich angesichts der fliehenden Menschen in ein massenhaftes Polizei- und Militäraufgebot und Zäune aus Nato-Draht, wie beispielsweise in Ungarn, Kroatien oder Serbien. So präsentiert sich mir heute ein ganz fremdes Europa, nicht das hippe, jugendliche Europa, das sich durch Schengen-Abkommen, ERASMUS-Programm und Friedensnobelpreis auszeichnet, sondern ein Europa, das meine Generation nur aus den Geschichtsbüchern, Spielfilmen und von ZDF-History kennt.

Natürlich, als politisch interessierter Mensch kenne ich auch die Argumente, die für die Wiederaufnahme der Grenzkontrollen sprechen. Unkontrollierte Migration führe zu Chaos und Anarchie. Es fehlen ohne Kontrollen und Registrierung konkrete Zahlen, die für eine adäquate Versorgung der Menschen benötigt werden. Ja, diese Argumente sind plausibel. Der entscheidendere Punkt ist jedoch, dass die Zäune aus Nato-Draht für viel mehr stehen: sie sind ein Sinnbild für unsichtbare Mauern, die unsere Gesellschaft durchziehen und spalten: Ich habe es noch nie erlebt, dass Menschen angesichts eines Themas so gespalten waren, und selten war es so wichtig, sich klar im politischen Feld zu positionieren ̶  keine Meinung gibt es in der Flüchtlingsthematik nicht. Während auf der einen Seite diejenigen stehen, die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen mit allen Mitteln helfen, stehen auf der anderen Seite diejenigen, die Angst vor dem Fremden haben. Oft höre ich das Argument, Deutschland sei nicht in der Lage, den „Flüchtlingsansturm“ zu bewältigen, der wirtschaftliche Untergang stehe bevor. Doch was ist die Alternative? Solange in Syrien Fassbomben abgeworfen werden, solange Extremisten Menschen morden und solange das Leben der „Globalisierungsverlierer“ von prekärer Armut bedroht ist, ist es keine politische oder wirtschaftliche Frage Schutz und Hilfe zu bieten, sondern eine Frage der Menschlichkeit.

Es gilt gemeinsam Ängste vor dem Fremden zu überwinden. Was, wenn nicht das, hat meine Generation aus Au-Pair-Jahr, ERASMUS, Backpacking und Auslandspraktikum gelernt? Lange genug ließen wir die Bilder der Gewalt aus Afghanistan, Syrien und Irak ohnmächtig auf uns einprasseln- nun ist es an der Zeit zu handeln und Mensch zu sein. Wir können Krieg und Armut in Zeiten der Globalisierung nicht einfach durch Mauern von uns abschotten, in der Hoffnung, uns so vor den Problemen in der Welt zu schützen. Und so ist es, wie in meinem Geburtsjahr 1990, wieder an der Zeit, eine Mauer in Deutschland und Europa einzureißen. Es ist an der Zeit, dass sich die Deutschen und ganz Europa wieder neu kennenlernen.