Interview mit zwei Flüchtlingen aus Syrien

Wir haben keine Zukunft mehr gesehen

Kann man wieder lachen lernen, wenn man dem Tod so nah war? Kann man die letzten warmen Sonnenstrahlen im Herbst richtig genießen, wenn man jeden Moment in Sorge um seine Liebsten daheim ist? Und kann man als junger Mensch optimistisch nach vorn schauen, wenn ein Krieg seine Kindheits-Träume zerstört hat? Wer die Tarek (27) und Sami (19) H. trifft, merkt schnell, dass das möglich ist. Die sympathischen und aufgeschlossenen Brüder aus der syrischen Stadt Homs leben seit diesem Jahr in Speyer. Sie erzählen uns von ihrem Leben vor dem Krieg, dem Alltag mit der Angst und von ersten Erlebnissen mit den Pfälzern…

Wie war eure Kindheit in Syrien?

Tarek: Ganz normal. Glücklich, unbeschwert. Wir gingen gern zur Schule, haben uns danach oft mit Freunden getroffen, sind zum Schwimmen gefahren. Später haben wir dann auch viele Partys gefeiert.

Sami: Und wir sind gern jagen gegangen. Das konnte man in unserer Gegend sehr gut.

 

Welche typischen Familientraditionen, zum Beispiel an Feiertagen, vermisst ihr am meisten?

Sami: Bei uns gibt es gar nicht so viele Feiertage wie in Deutschland. In Speyer ist ja jede Woche irgendwas (lacht).

Tarek: Aber wenn jemand Geburtstag hatte, machte unsere Mutter immer ein großes Festessen. Sie ist eine fantastische Köchin. Da gab es oft ein speziell syrisches Gericht mit Fleisch und Reis.

Sami: Tarek kocht oft wie wir es von zu Hause kennen. Er versucht es zumindest.

 

Wovon habt ihr geträumt als ihr Kinder wart?

Tarek: Ich wollte schon immer zur Universität gehen. Danach mein eigener Chef sein, eine kleine Firma haben. Und natürlich eine Familie gründen mit zwei oder drei Kindern.

Sami: Ich möchte auf jeden Fall eine ganze Menge Kinder haben. Drei mindestens. Und auch ein abgeschlossenes Studium.

 

Hattet ihr eine Freundin in Syrien?

Sami: Ich bin ja erst neunzehn. Bei uns ist es nicht erlaubt bevor man achtzehn ist. Das wäre wie Auto fahren ohne Führerschein (grinst).

 

Vor vier Jahren begann der Krieg – und alles wurde anderes… Wisst ihr noch wann ihr das erste Mal Angst um euer Leben hattet?

Sami: Als der Krieg los ging immer. Tag und Nacht. Aber seit zwei Jahren ist es ganz extrem.

Tarek: Die Angst war immer da. Man war nicht mal in seinem Haus sicher.

 

Wann habt ihr dann beschlossen das Land zu verlassen?

Tarek: Es gab diesen Moment als ich in meinem Bett lag und eine Kugel quer durch mein Zimmer schlug. Oder als ich mit Freunden auf dem Balkon saß und auf der Straße gegenüber Bomben runtergingen und sie komplett zerstört wurde.

Sami: Unsere Universität (Anm. d. Red. beide studierten Chemietechnik) ist schon länger ein Trümmerfeld. Einmal gab es einen Anschlag auf dem Weg dorthin genau um die Uhrzeit zu der ich dort immer war. Ich hätte tot sein können und hatte Glück, dass wir uns da schon an einem anderen Platz zum lernen trafen.

Tarek: Aber wir schauten nur in Bücher. Das hatte mit dem Studium, das ich wollte, nichts mehr zu tun. Wir haben keine Zukunft mehr für uns gesehen. Aber die schlimmste Vorstellung für mich war, dass ich eingezogen werden könnte – was mit Sicherheit passiert wäre. Ich könnte niemals einen anderen Menschen töten.

 

Wie sah euer Alltag aus?

Tarek: Wir haben versucht, einigermaßen normal zu leben, auch viel zu lachen. Aber er bestand natürlich auch daraus, achtsam zu sein. Höre ich Flugzeuge? Einschläge? Wir haben schnell gelernt: wenn man die Bomben hört, hat man Glück. Dann sind sie gerade woanders runter gegangen.

 

Wie war eure Flucht? Tarek, du warst vier Monate unterwegs, Sami, knapp zwei…

Tarek: In der Türkei habe ich glücklicherweise oft in Hotels schlafen können, in Griechenland konnten wir mit vielen anderen Flüchtlingen ein Haus mieten.

Sami: Das Schlimmste war die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. Auf dem Boot waren fast dreißig Menschen, zugelassen war es vielleicht für zehn.

 

Und dann seid ihr nach Speyer gekommen, lebt nun schon neun bzw. sechs Monate hier. Was war euer erster Eindruck von der Stadt?

Sami: Überwältigend. Speyer ist total schön.

Tarek: Ich bin ja schon länger hier als Sami und ich habe ihn am ersten Tag mit ins Irish Pub genommen. Da konnte er gleich die wunderhübsche Altstadt sehen. Wir waren auch beim Altstadtfest.

 

Kennt ihr so etwas von früher von zu Hause: viele Menschen, die bis in die Nacht draußen feiern?

Sami und Tarek lachen: Ehrlich gesagt war das vor dem Krieg ganz normal.

Sami: Das ist etwas an das ich mich hier wohl nie gewöhnen werde. Wo sind die Menschen ab sieben, acht Uhr abends? Man sieht dann kaum noch jemanden auf der Straße. Bei uns ist 24 Stunden am Tag was los gewesen. Sogar in der kleinen Stadt in der wir aufgewachsen sind.

 

Was für Unterschiede habt ihr noch festgestellt?

Sami: Anfangs habe ich ganz selbstverständlich jeden Menschen, der mir über den Weg gelaufen ist, gegrüßt. Aber keiner hat reagiert. Das fand ich schon komisch. Oder einmal fragte mich ein älterer Herr nach einer Zigarette. Er drückte mir dann einen Euro in die Hand. Ich gab ihm eine Zigarette und den Euro zurück. Für mich ist es Selbstverständlich, etwas abzugeben. Ohne Gegenleistung.

 

Was waren die ersten Wörter auf deutsch, die ihr gelernt habt?

Tarek (lacht): Das war „Krankenwagen“. Aber nicht weil ich einen brauchte, sondern weil das Wort so unglaublich lustig und typisch Deutsch für uns klingt. Ich liebe es. Es ist ein großer Spaß jedem Neuankömmling erst Mal dieses Wort beizubringen.

Sami: Und natürlich „Bitteschön, Dankeschön“ und „Entschuldigung“.

 

Ihr habt von euren Träumen erzählt, die ihr als Kinder hattet – wovon träumt ihr heute?

Tarek: Ich möchte mein Studium abschließen. Und dann schnell arbeiten. Meine Traumfrau finden, eine eigene Familie haben. An den Träumen hat sich nichts geändert.

Sami: Ich möchte gern Zahnmedizin studieren und Zahnarzt werden.