Mit Schwein in die Pfalz

Siegrun Wipfler-Pohl erinnert sich an ihre ersten Jahre als Flüchtling in Deutschland. Mit ihrer Mutter floh sie als Sechsjährige kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Pommern.

Als die 76-jährige Speyrerin 1950 mit ihren Eltern in die Pfalz kam, hatten sie nicht nur ihr persönliches Hab und Gut bei sich, sondern auch Schweinedame Jolante. „Allerdings im Weck-Glas“, erzählt sie lachend. Und erinnert sich noch ganz genau wie sie dort standen, als Umsiedler aus Niedersachsen, mitten auf der Straße in Schauernheim bei Ludwigshafen. Mit Koffern, Taschen, diversen Vorräten, hunderten kleiner Kästen mit krummen Nägeln, die noch gerade geklopft werden konnten und Holzstücken in allen möglichen Größen. „Wir waren immer gehalten alles aufzuheben und zu sammeln. Es war unglaublich was wir an Gerümpel hatten“, sagt Siegrun Wipfler-Pohl. Der Empfang der Bewohner – zu der Zeit wurden Flüchtlinge aus anderen Bundesländern auf weniger ausgelastete wie zum Beispiel Rheinland-Pfalz verteilt – war leider alles andere als herzlich. „Wir wurden mit der Polizei eingewiesen, haben eine Stunde auf der Straße gestanden,weil die Familie bei der wir wohnen sollten uns einfach nicht aufmachte.“

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Siegrun Wipfler-Pohl 1950 mit ihren Eltern in Schauernheim. Sie bauen zusammen ein Regal

Man wollte sie nicht, die Fremden. Am 9. Februar 1945 bei eisigen Temperaturen geflohen aus Pommern vor den Bomben der Russen. Mit viel mehr als sie eigentlich tragen konnten bei sich – der wertvolle Schmuck, das Tafelsilber, eine Kamera, Kleidung und Betten. Fünf Jahre lebten sie in der Nähe von Bremen, zum Schluss war auch der Vater aus amerikanischer Gefangenschaft wieder bei ihnen. Sie führten ein Leben als „Jäger und Sammler“, die Tochter sammelte Pilze, Beeren und Kräuter im Wald, sie kochten in einem Teil eines Tanks, der eines Tages vom Himmel fiel. Von der Familie humorvoll „unsere Bombe“ genannt. Sie bauten aus eigener Kraft ein kleines Haus, waren glücklich. Dann verlor der Vater seinen Job, wurde bald in Mannheim fündig. Die Familie sollte in Schauernheim unterkommen. In der Pfalz machten sie erstmals Bekanntschaft mit Speisen wie Dampfnudeln, Saumagen oder Leberknödel. „Man hielt uns für arrogant“, erinnert sich Siegrun Wipfler-Pohl, „weil wir Schriftdeutsch sprachen, den pfälzischen Dialekt nicht konnten.“ Noch heute habe sie Probleme, sagt sie schmunzelnd. „Sagt jemand, ich solle etwas heben, hebe ich es hoch. Dabei soll ich es doch festhalten.“ Außerdem hatte sie mit Unverständnis zu kämpfen, weil sie als (Flüchtlings-)Mädchen auf eine weiterführende Schule ging.
Der Anfang in der Pfalz war schwer, drei Mal wechselten sie den Wohnort. In neu gegründeten Vereinen von Umsiedlern fanden sie herzlichen Anschluss, irgendwann dann natürlich auch zu den Pfälzern. Siegrun Wipfler-Pohl arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin für Geschichte und Religion, hat zwei Töchter. Sehr oft sitzt sie noch heute mit ihrer Mutter Erika zusammen. Bei einem Gläschen Wein erinnern sie sich an die Flucht aus der Heimat bei der ihnen die Füße erfroren. An den Geschmack des Apfels der den Kindern dort geschenkt wurde, an den Blick aus dem Zug als sie die Oder überquerten oder daran wie die Mutter später den Familienschmuck vor den Plünderern vergraben hatte. „Während der Flucht und auch ein paar Jahre danach haben sich viele um meine Mutter gesorgt, dachten sie würde die Strapazen nicht überstehen. Sie hat kaum gegessen und war dem Tod näher als dem Leben.“
Doch in diesem Jahr wurde sie 103 Jahre alt.