Schluss mit den Vorurteilen!

“Habt ihr schon gehört…?” Geredet und gelästert wird viel – momentan besonders gern über die Flüchtlinge in unserem Land. Jeder kennt die Geschichten über Frauen, die sich einfach in den Supermärkten bedienen ohne zu bezahlen. Oder Männer, die den deutschen Frauen angeblich zu nahe kommen. Wenn man dann mal genauer nachfragt, stellt sich meistens heraus: alles Lüge! Wir  konfrontierten die Betroffenen – und räumen mit den gängigsten Vorurteilen auf…

1. Ihr habt keinen Respekt vor Frauen.

Wir haben zwei junge, syrische Männer gefragt, die seit gut einem Jahr in Speyer leben. „Ganz im Gegenteil“, sagen sie. „Eines der wichtigsten Dinge, die unsere Eltern uns beigebracht haben ist, Frauen mit Respekt und Ehrlichkeit zu begegnen.“ Ihnen sei sogar aufgefallen, dass darauf in ihrer Heimat besonders geachtet wird. „Wenn eine Frau zum Beispiel auf der Straße in eine schlimme Situation kommt, wird ihr sofort von den anwesenden Männern geholfen. Auch wenn ihnen das Probleme machen könnte.“ Und noch etwas sei anders. „Mir hat mal eine deutsche Freundin gesagt, ich sei vielleicht zu nett zu den Frauen und dass sie das falsch verstehen könnten. Die deutschen Männer seien oft nur so nett, weil sie ein sexuelles Interesse haben.“

2. Eure teuren Smartphones habt ihr vom deutschen Staat geschenkt bekommen.

Was würden Sie mitnehmen wenn Sie Ihre Heimat, Ihre Familie und Freunde verlassen müssten? Neben Geld und Dokumenten doch ganz sicher Ihr Mobiltelefon, oder? So können Sie Kontakt halten, während der lebensgefährlichen Flucht, den ersten Tagen, Wochen und Monaten im neuen Land. Und Sie haben Fotos Ihrer Liebsten immer bei sich. „Natürlich gibt es in Syrien schon lange dieselben Smartphones wie bei euch“, erzählt uns ein Speyerer Flüchtling. Auch für die Verträge oder Prepaid-Karten muss jeder selbst aufkommen – und keinesfalls die Steuerzahler.

3. Ihr wollt euch nicht integrieren.

Die Integration in die deutsche Gesellschaft ist sehr wichtig und der Schlüssel für ein normales Leben in diesem Land. Deswegen lerne ich auch von Anfang an die Sprache“, erzählt Tarek H., der seit 14 Monaten hier lebt. „Ich sporne viele andere Flüchtlinge an, das zu auch machen. Deutsch ist sehr schwer– besonders für die Älteren – aber es lohnt sich.“ Was ihm und seinem Bruder Sami bei der Integration auch sehr geholfen habe, sei der persönliche Kontakt zu den Speyerern. Die Nachfrage seitens der Flüchtlinge ist enorm: Die Angebote der WIR (Willkommen In Rheinland-Pfalz)-Integartionskurse wurden zum Beispiel bereits im vergangenen Jahr verdoppelt.

4. Ihr bekommt mehr Unterstützung als z.B. ein deutscher Arbeitsloser.

Asylbewerber bekommen Grundleistungen (z.B. für Unterkunft, Kleidung und Nahrung) bezahlt. Zusätzlich bekommen Alleinstehende ein monatliches Taschengeld von 143 Euro. Beides zusammen ergibt eine Summe von maximal 359 Euro was in etwa dem HartzIV-Satz entspricht. Laut einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts sei eine niedrigere Leistung schlichtweg menschenunwürdig.

5. Unsere großzügigen Sozialleistungen ziehen euch nach Deutschland.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegt Deutschland bei der finanziellen Unterstützung lediglich im Mittelfeld. Länder wie Dänemark oder Belgien, auch Frankreich und Finnland liegen hingegen über dem Durchschnitt. Was Deutschland so attraktiv für Flüchtlinge macht sei vor allem unser Bildungs- und Gesundheitssystem. Auch die Aussicht auf Jobs, da der Arbeitsmarkt viele freie Stellen bietet. Besonders Asylbewerber aus Syrien, die laut einer OECD-Studie meist gut ausgebildet seien, sehen in Deutschland eine bessere Perspektive. Doch meist folgt schnell die Ernüchterung (siehe Punkt 7).

6. Asylbewerber dürfen sich in Supermärkten einfach bedienen ohne zu zahlen.

Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage“, sagt uns Thomas Bonrath, Pressesprecher der Rewe Group. „Ein solches Vergehen erfüllt den Tatbestand des Ladendiebstahls und wird grundsätzlich zur Anzeige gebracht.“ Es gebe bundesweit keine derartigen Absprachen zwischen Behörden und Rewe. Er betont außerdem: „Unsere Erfahrungen mit den Flüchtlingen sind überwiegend positiv. Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror und Vertreibung sind uns willkommen.“

7. Ihr nehmt uns die Arbeitsplätze weg.

Einen Job zu finden ist für Flüchtlinge eine große Herausforderung. Leider. Denn sollten sie eine Festanstellung finden, wären ja auch Sozialabgaben fällig, von denen die deutsche Bevölkerung profitieren würde. Tatsächlich dauert es erst mal mindestens drei Monate bis sie auf eine Arbeitserlaubnis hoffen dürfen. Und selbst dann wird zunächst geprüft, ob nicht ein Bundesbürger eingestellt werden könnte. Mit fatalen Folgen für unsere Unternehmen. Ein Gerüstbauer aus der Pfalz erzählte uns, er suche seit Sommer 2015 händeringend nach Personal. Er habe zwei syrische Flüchtlinge kennengelernt, die geeignet und sehr interessiert wären und immer wieder käme vom Arbeitsamt die Ansage, dass erst nach deutschen Bundesbürgern für die Stellen gesucht würde. Ohne Erfolg. Er musste schon einige Aufträge absagen…

8. Ihr seid neidisch auf unseren Wohlstand, weil ihr das von zu Hause nicht kennt.

Malerisch und modern – so schön wohnte man in Syrien vor dem Krieg
Malerisch und modern – so schön wohnte man in Syrien vor dem Krieg

Zu Hause hatten wir keine Toiletten und mussten uns im Fluss waschen“, erzählt uns ein junger Mann aus der Nähe von Homs in Syrien. Und fängt an zu lachen. Das war natürlich nur Spaß. „Wir sind keine Wirtschaftsflüchtlinge, wir fliehen vor dem Krieg! Wir hatten früher ein gutes Leben. Eine gutes Gesundheitssystem, Universitäten und Kaufhäuser.“ Er schwärmt von der Kultur und der Geschichte in seiner Heimat: „Damaskus ist die älteste Stadt der Historie, es gibt so viele historisch wichtige Plätze und eine wunderschöne Natur.“ Syrien sei außerdem berühmt für Theater, Musik, Lyrik und seine wunderschöne Natur.

9. Ihr seid Schuld wenn Deutschland bald vor dem finanziellen Ruin steht.

Deutschland ist weit davon entfernt, vor einem Ruin zu stehen. Auch wenn man gefühlt nur Negativ-Schlagzeilen aus Wirtschaft und Politik liest. Wir leben in dem mit Abstand wirtschaftlich stärksten Land der EU – in den vergangenen Jahren ging es immer weiter bergauf. Und die Zuwanderung ist in dieser Entwicklung positiv zu sehen. Beispiel: Im Jahr 2012 hat die Bundesrepublik an den 6,6 Millionen bei uns lebenden Ausländern 22 Milliarden Euro verdient (Quelle: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, ZEW).

One Reply to “Schluss mit den Vorurteilen!”

  1. Hallo Julia,

    es ist schon verwunderlich das Du, in einem Artikel gegen Vorurteile, selbst Vorurteile verwendest. So ist die Aussage “Die deutschen Männer seien oft nur so nett, weil sie ein sexuelles Interesse haben.“ ein Vorurteil gegen die deutschen Männer.

    Gruß Stephan