Ein bisschen Brot, ein wenig Reis und viele Bomben

Die authentische Geschichte eines syrischen Flüchtlings.

195 Länder gibt es auf der Erde. 7 Milliarden Menschen. Auf dem Kontinent Europa gibt es
47 Länder, davon 28 in der Europäischen Union und ungefähr 700 Millionen Einwohner. In
Mitteleuropa liegt Deutschland. Es ist 357 000 km² groß und hat 82 Millionen Einwohner und
16 Bundesländer. Einer dieser Bundesländerstaaten ist Rheinland-Pfalz. Es ist 19 854 km²
groß und hat 4 Millionen Einwohner und 48 Städte. In Rheinland-Pfalz liegt eine
wunderschöne Stadt, sie heißt Speyer. Sie hat 50 000 Einwohner.

Ich bin Araber und heiße M. Es gibt 380 Millionen Araber auf der Welt. 22 arabische Länder
gibt es. 10 in Afrika und 12 in Asien. Syrien ist ein Land davon. Syrien hat 14 Städte und hatte
23 Millionen Einwohner vor dem Krieg. Mehr als 7 Millionen Menschen sind auf der Flucht
und mehr als ½ Million ist getötet. Die Hauptstadt heißt Damaskus. Aleppo, wo ich geboren
bin, ist die größte Stadt in Syrien. Sie hatte vor dem Krieg 6 Millionen Einwohner und ist
6300 Jahre alt. In der Mitte von Aleppo, wo ich aufgewachsen bin und gewohnt habe, liegt
die Burg von Aleppo. Mehr als 500 000 Touristen pro Jahr besuchten die Stadt vor dem
Krieg, weil sie eine der ältesten Städte der Welt ist. Jetzt existiert nur noch die Burg, die
Stadt ist fast vollkommen zerstört. Speyer ist auch eine historische Stadt. Im Stadtzentrum
ist die Maximilianstraße. Sie beginnt am Dom und endet am Stadtmauertor Altpörtel. Der
Dom ist ein ganz tolles Bauwerk. Er wurde 1024 erbaut. Er erinnert mich immer an die Burg
von Aleppo.
Ich gehe den Dom oft besuchen. Dort betrachte ich die alten Steine, wie ich es in Aleppo
auch oft gemacht habe. Wenn ich die alten Steine ansehe, kann ich viele Geschichten auf
den Wänden der alten Gebäude lesen. Geschichten von vielen Generationen und Menschen.
Wenn wir ihre Geschichten lesen, können wir aus ihren Fehlern lernen, um sie nicht zu
wiederholen. Lies was an den Wänden von den Kriegen steht! Wie König Ludwig der 14.
Speyer niedergebrannt hat! Was die Familien und die Kinder in dieser Zeit erleben mussten!
Lies wie schlimm die Herrscher das Leben gemacht haben und auch heute noch machen!
Der erste und der zweite Weltkrieg! Die Hitlerdiktatur in Deutschland und das Regime und
der Krieg in Syrien! Krieg ist nicht nur eine Geschichte zum Erzählen. Den Krieg erleben ist
nicht wie davon zu lesen oder zu hören. Krieg ist Krieg und Krieg und Krieg und immer Tod.
Ich erzähle Euch trotzdem, was ich und meine Familie erlebt haben: Ein bisschen Brot, ein
wenig Reis und viele Bomben: 2011 starten die Syrer eine Revolution gegen das syrische
Regime , um es nach über 40 Jahren zu beenden und der Regierung Assads eine Ende zu
setzen. Aber er hat die Menschen unterdrückt und töten lassen und angedroht, Syrien zu
zerstören. Aber das Volk ließ sich nicht einschüchtern. Es kämpfte weiter auch mit
Waffengewalt, um das Regime endgültig loszuwerden und ein demokratisches Land
aufzubauen. Das Regime fühlte sich bedroht. Deshalb ließ es die Städte seiner Gegner
bombardieren und behauptete, Familien und Kinder seien Terroristen, und man müsse
Syrien vor ihnen beschützen. Es nahm kein Ende, denn der Machthaber wollte seine Macht
behalten. Meine Familie und ich waren damals auch unter den Belagerten. Aber ich war
nicht unter den Rebellen und auch kein Kämpfer Assads. Denn ich wusste, er würde weiter
verletzen, quälen und töten und doch niemals gehen. Ich wollte einfach, dass der Krieg
endlich aufhört. Für die Leute, die Kinder und das Land. So sehr die Gegner Assads mit ihren
Waffen aufrüsteten, gegen seine Bomberflugzeuge hatten sie kein Chance. Sie konnten nur
verhindern, dass seine Armee in unsere Gebiete eindringt. Aber das Regime sagte, wir wären
genauso wie der IS und dass man uns töten müsse. Gleichzeitig behauptete die Regierung,
dass sie die Syrer nur gegen den IS verteidigen würde. Bis heute wurden über 500 000
Menschen getötet, und der syrische Regent behauptet immer noch, dass er uns nur
beschützen würde. Wasser, Strom und Hilfsmittel wurden abgeschnitten. Wir lebten nur von
dem was wir noch hatten, von Mehl und was wir über die türkische Grenze von dort erhalten
haben. Wir standen z.B. länger als 6 Stunden in der Schlange für Brot an, nur für diesen
einen Tag. Es wurden viele Menschen bombadiert, die auf ihr Brot warteten.
Ich hatte noch Farben, die ich mir vor dem Krieg gekauft hatte und begann die Wände zu
streichen, um irgendwas zu tun. Es gab noch Farbe aber kein Brot mehr. Da sah ich draußen
durch das Fenster, wie die Flugzeuge die Häuser bombardiert haben. Und ich fragte mich,
wann unser Haus wohl dran sein würde. Als ich fertig war habe ich die Kinder von meinen
Verwandten und Nachbarn in Englisch unterrichtet, um von den Bomben abzulenken. Denn
es gab keine Schule mehr und für uns Erwachsene keine Arbeit. Nach 3 Monaten konnte ich
in den Libanon flüchten. Dort fand ich Schwarzarbeit in einer Schuhfabrik. Meine Familie
blieb in Aleppo. Ich dachte in ein paar Monaten sei der Krieg vorbei und ich könnte zurück
nach Syrien. Doch nach einem Jahr hatte sich die Situation nur noch verschlimmert. Ich
mietete eine Wohnung für meine Familie und mich, damit wir zusammen im Libanon leben
konnten, bis der Krieg beendet wäre. Doch meine Schwester und ihr Mann und Kind konnten
nicht flüchten, weil er seine eigene Familie nicht im Stich lassen konnte und das Geld hätte
nicht gereicht. Die 2 Millionen Syrer im Libanon bekommen keine Unterstützung mit
Lebensmitteln oder Geld. Du musst dein Überleben irgendwie auf die Reihe bekommen.
Denn der Libanon ist selber ein armes Land. Mit 4 Millionen Libanesen, 600 000
Palästinensern und 2 Millionen Syrern gibt es nicht mal genug Wasser und Strom für die
eigenen Landsleute. Denn durch den Krieg mit Israel in 2006 wurde ein Großteil des Libanon
zerstört. Deshalb dürfen die Syrer, die sich dort aufhalten nicht arbeiten – oder sie arbeiten
illegal oder schwarz. Wie ich hatten und haben viele Angst, dass die libanesische Regierung
die Syrer abschiebt. Denn eine Aufenthaltserlaubnis gibt es dort nicht. Doch wenn die Syrer
zurück müssen, müssen sie für Assads Armee kämpfen. Deshalb flüchtete ich nach Europa, in
der Hoffnung sicher zu sein, ich wollte nicht kämpfen. Ich wollte von hier aus meine Familie
unterstützen, so gut es geht. Die Flucht dauerte 23 Tage und war sehr schlimm und
gefährlich. 4 Tage lang schlief ich auf dem Boden, die anderen Tage habe ich in Bussen und
Zügen geschlafen. Ich musste weit laufen, fahren und mit dem Boot die gefährliche Tour
über das Mittelmeer nach Griechenland machen. Es war ein sehr harter Fluchtweg. Aber
dennoch besser, als in Syrien und bei den Bomben zu bleiben. Mitte Dezember 2015 bin ich
über Mazedonien, Ungarn und Österreich geflüchtet und in Deutschland angekommen. Ein
Jahr später hatte ich alle Orientierungskurse geschafft. Ich hatte das Glück, eine Wohnung
und eine Arbeit zu finden als orthopädischer Schumacher in Speyer. Es freut mich sehr, denn
mit meinem Lohn kann ich mein Leben finanzieren und auch meine Familie unterstützen. Ich
lebe nicht mehr vom Staat und kann Steuern bezahlen.
2 Monate später verstärkte sich die Bombardierung durch Assads Armee und Russland.
Meine Schwester und ihre Familie sind immer noch dort. Ihr Sohn ist im Krieg aufgewachsen.
In diesem Leben hat er kaum mehr gesehen als ein bisschen Brot, ein wenig Reis und viele
Bomben. Wenn meine Schwester Internet hat (von der Türkei, weil in Grenznähe), dann
schreiben wir uns auf whats app. In den Nächten dieser Zeit schlief ich wenig, weil ich Angst
hatte und auf ihre Nachrichten wartete. Wenn sie kein Internet hatte, wusste ich nicht, ob
sie und ihre Familie noch leben oder ob sie getötet wurden wie viele andere. Ich bin war
zwar in Deutschland, aber ich fühlte mich als wäre ich noch in Aleppo, weil ich Angst um sie
hatte. Wenn ich was gegessen habe, fragte ich mich, ob sie genug zu Essen und zum Trinken
haben. Wenn ich beim Sport müde war , dachte ich an sie, wie sie mit ihrem Gepäck
herumliefen und einen Platz zum Schlafen finden mussten. Denn ich konnte nach dem Sport
nach Hause gehen, ich konnte mich duschen, essen und schlafen. Sie konnten das nicht.
Ständig fragte ich sie, ob sie genug zum Essen haben. Sie antwortete immer sie hätten Brot
und Reis. Morgens und mittags wurde normalerweise weniger bombadiert. Zu diesen Zeiten
spielte mein Neffe draußen auf der zerbombten Straße. Mit der Zeit kamen immer weniger
Kinder zum Spielen, dann fragte mein Neffe seine Mutter, wo all die Kinder sind. Sie erklärte
ihm dann, dass sie im Paradies sind und dort glücklich sind. Denn dort könnten sie ohne
Angst sein und es gibt viel leckeres Essen und keinen Krieg. Sie sagte zu ich: „Sei nicht
traurig, deinen Freunden geht es gut. Eines Tages werden wir auch ins Paradies gehen und
du wirst deine Freunde wieder sehen.“
Assads Armee behauptete in dieser Zeit, dass die Wege zu ihren Kontrollen der besetzten
Stadtgebiete sicher wären. Man würde niemanden bombardieren und die Menschen die aus
den Stadtteilen der Gegner kommen an einen sicheren Ort bringen. Der Plan der Regierung
war, die Gebiete menschenleer zu machen, um sie anschließend mit den eigenen Truppen zu
besetzen. Meine Schwester und andere Familien hatten nicht wirklich eine Wahl , also
gingen sie. Sie mussten länger als 7 Stunden mit ihrem Gepäck laufen. Es war sehr kalt und
Tausende schliefen auf der Straße. Viele gingen wieder zurück, weil die Tausende nicht alle
durchgelassen wurden oder durchkamen. Manche hatten Glück, und erreichten beim
dritten Mal die sicheren Zonen. Viele andere wurden beschossen und starben auf ihrem
Weg. Irgendwann begann Assads Armee junge Männer zu verhaften, um sie zum Kämpfen zu
zwingen. Bis jetzt kann ich nicht glauben, wie meine Schwester und ihre Familie dem Tod
entkommen konnten.
Einige Tage später, ungefähr Anfang 2017, haben das syrische Regime und seine Gegner sich
geeinigt, dass die Gegner in die nächste Stadt Idlib gehen konnten und Assads Armee ganz
in Aleppo bleiben kann. Und weil sie sich geeinigt haben, gab es keine Bombardierungen
mehr. Außerdem gibt es in Aleppo nichts mehr zu bombardieren, 80 % sind zerstört. Mehr
als 500 000 Einwohner verloren ihr zu Hause. Hunderttausende wurden getötet, Männer,
Frauen, Kinder. Weitere Tausende sind schwer verletzt. Es wird jetzt nicht mehr bombadiert
in Aleppo und die Menschen können, wenn man das überhaupt so sagen kann, jetzt
„sicherer“ in einer zerstörten Stadt leben. Aber in anderen Gebieten gibt es immer noch den
IS und Kämpfe zwischen verschiedenen verfeindeten Gruppen. In Aleppo gibt es Assads
Truppen und die Hisbollah.
Meine Schwester und ihre Familie waren nach ihrer Flucht auf die andere Seite in Aleppo zu
Gast bei einem Verwandten ihres Mannes. Der Tisch war reich gedeckt mit vielen Speisen.
Mein Neffe sah so etwas zum ersten Mal und sprach: „Mama, so viel Essen. Genau wie du
mir das Paradies beschrieben hast, sind wir jetzt im Himmel? Wo sind meine Freunde? Ich
möchte mit Ihnen spielen.“ Meine Schwester antwortete: „Nein mein Lieber, wir sind noch
nicht im Himmel, das hier ist das wirkliche Leben.“ Dann hat er gesagt: „Das ist sehr lecker,
ich habe gedacht, das Leben ist nur ein bisschen Brot, ein wenig Reis und viele Bomben.“
Dies hier ist nur eine von tausenden Geschichten und Schicksalen , die wie früher und heute
auf den Wänden von alten Gebäuden zu lesen sind. Hier in Speyer wie dort in Aleppo.
Ich hoffe, dass in Zukunft auf Mauern von Gebäuden solche Geschichten nicht mehr
geschrieben stehen. Ich wünsche mir Geschichten von einem friedlichen Zusammenleben
der Menschen hier in Speyer wie in Aleppo und auf der ganzen Welt.
(Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht)